... Kälte


Es ist kalt. Sehr kalt. Minus 55°C. Die letzten Schneeflocken sind vor drei Tagen vom Himmel herabgetanzt.

Jetzt ist er wolkenlos und die Temperaturen fallen weiter.

Die Luft ist frostig und klar. Man kann heute sogar die Berge sehen, wie sie sich dort majestätisch und unüberwindbar am Horizont auftürmen. Ich sitze hier am Fenster und lasse meine Gedanken zu ihnen schweifen.

Einer der Berge kommt schon auf halben Wege auf mich zu. Seine Stimme klingt tief in meinen Ohren. „Sei gegrüßt, Wanderer! Doch kehret izt um, denn weiter als hier werdet ihr nicht kommen. Er baut sich freundlich aber bestimmt vor mir auf, und blockiert meinen Weg. „Es tut mir leid, Wanderer, aber so ist das Gesetz der Berge. Ihr dürft leider nicht passieren." Ich gehe ein paar Schritt zurück und blicke dem Berg ins Angesicht.

„Und ich werde, ihr werdet verzeihen, doch passieren!" „Nein, denn schon viele haben dies versucht und keiner hat es je geschafft." „Und doch werde ich der erste sein!" Der Berg lächelt nur wissend und kümmert sich nicht weiter um mich jungen Heißsporn.

Da breite ich plötzlich meine Arme aus und steige senkrecht den Wolken entgegen. Keine Schwerkraft scheint mich mehr zu halten, als ich den Vögeln gleich dem Blau des Himmels entgegenstrebe. Ja, ich fliege!

Und ich bin völlig losgelöst von der Erde. Der Berg reagiert nicht einmal darauf. Und izt fliege ich weiter, über ihn hinweg der ganzen Bergkette entgegen. Leise, ganz leise erhebt sich von den Bergen her ein Singsang unendlicher Tiefe. Auch höhere Töne mischen sich hinein. Mehr und mehr erheben die Berge ihre Stimmen zu einem Choral tiefster Harmonie und doch Traurigkeit. Ja, ihr Gesetz ist gebrochen. Einer hat schließlich doch alles gewagt und dafür auch alles gewonnen. Langsam legen sich die Berge izt zur Ruhe hernieder. Und der kalte Wind bläst über die Ebenen wo vormals sie standen, im Willen ungebrochen und stark.

Ich genieße die herrliche Aussicht und den Wind in den Haaren. Ich sehe, wie aus der steinernen Ebene fruchtbares Land wird, wie Menschen sich ansiedeln und es bewirtschaften. Ich sehe Städte, die geboren werden, heranwachsen und wieder sterben. Ich sehe eine lange lange Zeit verstreichen, und doch weiß ich, die Berge werden an einem kalten Tag wiederkommen und sich wieder in einen Weg stellen. Noch weiß ich nicht wann, und ob wieder jemand seine Schwingen ausbreitend über sie hinwegpassiert...

...doch wache ich auch viel zu schnell wieder auf, aus dem erträumten Traum, welchen ich wohl nie träumen werde, sondern nur zu träumen träumte.

© by BLACK SCORP

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